Anmerkung zum Aphorismus

Zusammengestellt und mit freundlicher Genehmigung von Dr. Jürgen Wilbert

siehe auch:  http://www.dapha.de   und    http://www.aphoristiker.de/

 

Der Aphorismus: Drei Begriffsbestimmungen

 

… Ausdruck einer auf Überraschung zielenden subjektiven Meinung, meldet satirischen, provokativen, zugespitzten Widerspruch gegen allgemein verbreitete, generalisierende Anschauungen, Urteile oder Lehrmeinungen an, gegen die der Aphorismus oft Paradoxa und Mehrdeutigkeiten setzt.

(Literatur Brockhaus, Mannheim 1988)

 

Aphorismus, kontextuell isolierte, konzise, bis auf Satz und Einzelwort verknappte literarische Prosaform, im Grundsatz nichtfiktional, oft rhetorisch oder metaphorisch markant, als unsystematisches Erlebnis-denken und Erkenntnis-Spiel im Grenzgebiet von Wissenschaft, Philosophie und Literatur im besonderen Maße auf die kritische Weiterarbeit des Lesers angewiesen.

(Friedemann Spicker, aus „Der Deutsche Aphorismus im 20. Jahrhundert“, Tübingen 2004)

 

Prägnant knappe, geistreiche oder spitzfindige Formulierung eines Gedankens, eines Urteils, einer Lebensweisheit. Nach Inhalt und Stil anspruchsvoller als das Sprichwort, ausgezeichnet durch effektvolle Anwendung rhetorischer Stilmittel (...) und durch auffallende Metaphorik

(Metzler Literaturlexikon, Stuttgart 1984)

 

 

Bestimmungsmerkmale des Aphorismus

(nach Krupka)

 

-    Autor/in bekannt

-    Verwendung: selbstständig (steht für sich alleine)

-    Umfang: meist ein Satz (oder mehrere) („kürzeste Form der Prosa“)

-    Formulierung: knapp und präzise

-    Geltung: gegensätzlich (s. Definition oben)

-    Funktion: Innovation (neuer, zündender Gedanke), häufig verbunden mit Täuschung der Lesererwartung (Pointe)

 

 

Der Aphorismus:

 

-    vermittelt geistreiche Lebensweisheiten: "Jeder möchte lange leben, aber keiner will alt werden." Jonathan Swift

-    ist sprachwitzig pointiert: "Sein Gewissen war rein. Er benutzte es nie." Stanislaw J. Lec

-    definiert subjektiv, mitunter paradox und provokant: "Wer sich widerspricht, hat mehr Logik im Kopf." Hans Kasper

-    ist kurz, prägnant, lakonisch, bis zu einem Wort: "Das Wahrheits-Gefühle" Georg Christoph Lichtenberg

-    ist bildhaft, metaphorisch markant: "Der Aphorismus ist das Fass im Tropfen" Elazar Benyoetz

 

 

Rhetorische Stilmittel / Techniken der Aphorismen

 

1.       Überspitzung / Übertreibung („Zu-weit-gehen“)


a)       Superlativ:


„Verwöhnte Kinder sind die unglücklichsten; sie lernen schon in jungen Jahren die Leiden der Tyrannen kennen.“ (Marie von Ebner-Eschenbach)

 

 

b)       Maximalaussage

„Ein Mann von Geist wird nicht allein nie etwas Dummes sagen, er wird auch ie etwas Dummes hören“ (Ludwig Börne)

 

 

c)       Verhaltensregel

„Siege, aber triumphiere nicht“ (Marie von Ebner-Eschenbach)

 

 

d)       (Schein-)Definition

„Fleiß ist die Wurzel aller Hässlichkeit“ (Oscar Wilde)

„Zivilisation ist die unbeschränkte Vermehrung unnötiger Notwendigkeiten“ (Mark Twain)

 

 

e)       Antithese

„Die Lieber einer Frau kannst du dir durch mancherlei verscherzen: durch Vertrauen und durch Misstrauen, durch Nachgiebigkeit und durch Tyrannei, durch zu viel und zu wenig Zärtlichkeit, durch alles und durch nichts“ (Arthur Schnitzler)

 

 

2.       Aussparung / Andeutung („Zu-wenig-sagen“)

 

a)       Einzelbeobachtung /Beispiel

„Kein Aufmarsch, bei dem nicht doppelt so viel Beine wie Köpfe kommen“ (Hans Kaspers)

 

b)       Unvollständigkeit (bis zum Einzelwort-A.)

„Der Leser hat’s gut: er kann sich seine Schriftsteller aussuchen“ (Kurt Tucholsky)

„Politik: Derby trojanischer Pferde“ (Stanislaw Jerzy Lec)

 

c)       Hintersinn / Doppelsinn

 

„Sozialistische Bruderliebe kennt keine Grenzen“ (Heinrich Wiesner)

„Es gibt keine falsche Empfindung“ (E. M. Cioran)

 

 

3.       Verrätselung

 

a)       Bildersprache / Metapher

 

„Am meisten jammern die, deren Brot auf beiden Seiten gebuttert ist – es fällt nie auf die rechte Seite“ (Charles Tschopp)

 

b)       Vergleich

„Was man eine glückliche Ehe nennt, verhält sich zur Liebe wie ein korrektes Gedicht zu improvisiertem Gesang“ (Friedrich Schlegel)

„Unbildung ist stumm, Halbbildung beredet, Bildung schweigsam“ (Hans Kudszus)

„Wer tiefer irrt, der wird auch tiefer weise“ (Gerhart Hauptmann)

 

c)       Paradoxie / (scheinbarer) Widerspruch


„Abstand wahren ist der kürzeste Weg in die Nähe des anderen“ (Hans Kundszus)

„Unter den Menschen, deren Bildung nur angelesen ist, sind die schlimmsten die, welche auch gelesen haben, dass Bildung nicht nur angelesen sein darf“ (Ludwig Strauss)

„Die Menschen, denen wir eine Stütze sind, die geben uns den Halt im Leben“ (Marie von Ebner-Eschenbach)

 

 

4.       Überraschung

 

a)       Wortspiel / Wortschöpfung

„Verschiebe nicht auf morgen, was ebenso gut auf übermorgen verschoben werden kann“ (Mark Twain)

„Wenn der Klügere in der Politik nachgibt, begeht er nicht nur eine Dummheit, sondern ein Verbrechen“ (Kans Kudszus)

„Die Uniform vermehrt das Selbstempfinden der Persönlichkeit um soviel als sie die Persönlichkeit einschränkt. Grütelgefühle herrschen vor“ (Max Rychner)

 

b)       Umkehrung

„Es findet der Mensch leichter im Glück die Liebe als in der Liebe das Glück“ (Hans Kudszus)

„Wenn die Menschen sagen, sie wollen nichts geschenkt haben, so ist es gemeiniglich ein Zeichen, dass sie etwas geschenkt haben wollen“ (Georg Christoph Lichtenberg)

 

c)        Verblüffung / Pointe

 

„Natürlich kann man es sich leicht machen und immer auf seiten der eigenen Meinung sein“ (Hans Kasper)

 

„Sein Gewissen war rein. Er benutzte es nie“ (St. J. Lec)

„In der Ehe pflegt gewöhnlich immer einer der Dumme zu sein. Nur wenn zwei Dumme heiraten – das kann mitunter gut gehn“ (Kurt Tucholsky)

 

(z. T. nach Harald Fricke: Aphorismus, Stuttgart 1984, S. 140 ff)

 

 

 

 

Aphorismen über Aphorismen

 

„Im Herzen jedes Aphorismus, so neu und gar paradox es sich gebärden möge, schlägt eine uralte Wahrheit“ (Arthur Schnitzler)

 

„Jeder Aphorismus ist der letzte Ring einer Gedankenkette“ (Marie von Ebner-Eschenbach)

 

„Aphorismen entstehen nach dem gleichen Rezept wie Statuen: Man nehme ein Stück Marmor und schlage alles ab, was man nicht unbedingt braucht“ (Gabriel Laub)

 

„Die großen Gedanken kommen nicht, wie Vauvenargues sagt, aus dem Herzen, sondern entstehen in der Berührung von Kopf und Herz (Herbert Eisenreich)

 

„Aphorismen: Stolpersteine für landläufige Meinungen (Jürgen Wilbert)

 

„Ein guter Aphorismus ist wie die Biene: mit Beute beladen und mit einem Stachel versehen (Carmen Sylva)

 

„Der Aphorismus ist die als Handkuss verkleidete Ohrfeige“ (Erwin Chargaff)

 

„Aphorismen sind beides – Musterkoffer der Wahrheit und Mausefalle der Bosheit“ (Gottfried Edel)

 

„Der Aphorismus ist ein Einfallstor, der Aphoristiker auch“ (Ulrich Horstmann)

 

„Der Aphorismus ist ein gewitztes Kerlchen, das Kunst und Philosophie in Liebe gezeugt haben: von der Philosophie hat es die Art zu fragen, von der Kunst die Art zu antworten." (Gerhard Brandstner)

 

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